Proteste gegen sexualisierte Gewalt: Tausende gehen in Deutschland auf die Straße
Eine Protestwelle erfasst Deutschland: Nach schweren Vorwürfen gegen einen bekannten Schauspieler gehen Tausende auf die Straße und verlangen mehr Schutz für Betroffene.
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Berlin - Auf der Bühne am Rathausmarkt in Hamburg vor Tausenden Demonstranten stockt Collien Fernandes vor Emotion immer wieder die Stimme. «Ich wollte hier rauskommen und stark sein, aber ich schaff's gerade nicht», sagt die Schauspielerin und Moderatorin.
«Ich stehe jetzt hier mit einer schusssicheren Weste, mit Polizeischutz und mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer - zu 100 Prozent Männer - mich killen wollen», erklärt die 44-Jährige in brauner Lederjacke. «Da muss man sich nicht mehr wundern, dass so viele Frauen einfach auch den Mut nicht haben, rauszugehen und zu sagen, dieses und jenes wurde mir angetan», fügt sie hinzu.
Schwere Vorwürfe
Anlass der Demonstration in der norddeutschen Metropole sind schwere Vorwürfe von Fernandes gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, die sie eine Woche zuvor bei Instagram veröffentlicht hat. Protestiert wird unter dem Motto «Es reicht! Die Scham muss die Seite wechseln» für mehr Schutz für Opfer sexualisierter Gewalt.
Das Thema wühlt Deutschland derzeit auf, es fühlt sich wie ein später Me-Too-Moment an. Auf den Hamburger Rathausmarkt sind trotz Kälte und eines Hagelschauers laut Polizei rund 17.000 Menschen gekommen, nach Angaben der Veranstalter sind es sogar 22.000. Am Sonntag hatten schon am Brandenburger Tor in Berlin Tausende Menschen aus demselben Anlass demonstriert - die Organisatoren sprachen von 13.000 Teilnehmern, die Polizei von 6.700. Am Mittwoch gab es auch in Hannover eine größere Demo, weitere sind geplant - unter anderem am Samstag in Köln.
Fernandes hat auf Mallorca Anzeige erstattet, wie eine Justizsprecherin auf der spanischen Mittelmeerinsel der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigte. Über die Vorwürfe hatte zuerst der «Spiegel» berichtet. Ulmens Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an, bei der es sich «in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung» handle. Zudem würden «unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet». Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Früheres Promi-Paar
Der 51-Jährige spielte die Hauptrolle etwa im Film «Herr Lehmann» und war jahrelang «Tatort»-Kommissar. Fernandes und er waren eines der bekanntesten Promi-Paare des Landes. Die beiden Hamburger arbeiteten bisweilen auch zusammen, etwa in der Impro-Comedy-Serie «Jerks». Interviews über ihre Beziehung - zuletzt etwa zu ihrem Umzug nach Palma de Mallorca - füllten die Leute-Rubriken deutscher Medien. Im September gab das Paar nach 14 Jahren Ehe überraschend die Trennung bekannt.
Spanien sei bei Frauenrechten weiter
Zu ihrer Anzeige gegen Ulmen sagte Fernandes in den «Tagesthemen»: «Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, in Spanien zu klagen, weil in Spanien die Rechte von Frauen deutlich besser sind als in Deutschland.»
In dem südeuropäischen Land gibt es schon seit 2004 ein Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt samt staatlicher Beobachtungsstelle. In Deutschland wurde erst vor etwas mehr als einem Jahr das sogenannte Gewalthilfegesetz verabschiedet. Fälle tödlicher Gewalt gegen Frauen durch Partner oder Ex-Partner werden in Spanien seit 2003 erfasst, Deutschland begann erst rund 20 Jahre später damit.
Ärger über Kanzler Merz
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz wurde am Tag vor der Demonstration im Bundestag, dem deutschen Parlament in Berlin, zu dem Thema befragt. Auf die Frage einer Abgeordneten der Grünen, warum er bisher öffentlich nichts dazu gesagt hatte, wurde der Christdemokrat defensiv und betonte, auch Männer würden über das Thema diskutierten - «und ich gehöre dazu.»
Eine Frage einer anderen Abgeordneten nutzte der Regierungschef, zum Ärger vieler, um zum wiederholten Mal eine Verbindung zwischen Gewalt gegen Frauen und Migration herzustellen: «Dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt.»
Regierung plant Gesetzesänderung
Innerhalb der Regierung wird derzeit an einer Gesetzänderung zu sexualisierter digitaler Gewalt gearbeitet. Damit soll unter anderem die unerlaubte Herstellung und Verbreitung von Nacktbildern und von KI-manipuliertem Material - sogenannte Deepfakes - bestraft werden. Diese stehen bei der aktuellen Diskussion besonders im Fokus. Betroffene sollen Konten sperren lassen können, von denen die Taten ausgehen. IP-Adressen sollen dafür für drei Monate gespeichert werden dürfen.
Die Vorhaben der Regierung gehen nach Meinung einiger nicht weit genug. Die Grünen haben einen eigenen Gesetzesvorschlag dazu vorgelegt. 250 bekannte Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur starteten in Solidarität mit Fernandes eine Petition mit zehn Forderungen an die Regierung - darunter die Einführung eines Straftatbestands «Femizid», also Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, im Strafgesetzbuch und eine nationale Strategie zur Bekämpfung männlicher Gewalt. Auf dem Hamburger Rathausmarkt sind auch Rufe gegen Merz zu hören.
«Mauern des Schweigens einreißen»
Fernandes verweist dort auf eine staatliche Studie, wonach in Deutschland nur rund fünf Prozent der Fälle partnerschaftlicher Gewalt angezeigt werden. Bei digitaler Gewalt seien es nur 2,4 Prozent, fügt sie hinzu. «Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam Licht in diese riesigen Dunkelfelder bringen», sagt die Entertainerin.
«Lasst uns gemeinsam die Mauern des Schweigens einreißen», ruft Fernandes dem Publikum zu, ehe sie die Bühne verlässt.