Atomkraft: Deutschland und Frankreich legen langen Streit bei
Berlin und Paris lagen in Sachen Atomkraft lange im Streit. Nun aber gibt es eine Einigung, trotz unterschiedlicher Sichtweisen in der Energiepolitik an einem Strang zu ziehen.
Toulon - Deutschland und Frankreich haben ihren langen Streit zur Atomkraft weitgehend beigelegt. Beide Länder vereinbarten auf einem Regierungsgipfel in Südfrankreich ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene, um zu einer Gleichbehandlung emissionsarmer Energiequellen einschließlich der Kernenergie zu kommen. Trotz unterschiedlicher Modelle – Frankreich setzt auf einen Ausbau der Kernenergie, während Deutschland alle AKW abgeschaltet hat – wollen beide sich in der Energiepolitik nicht mehr im Wege stehen, sondern unterstützen.
Konkret bedeutet das, dass Deutschland sich der Nutzung der Kernenergie durch Frankreich nicht mehr entgegenstellt, etwa auf der Ebene europäischer Gesetzgebung. Den Franzosen geht es nicht um eine Finanzierung von Atomanlagen aus EU-Mitteln, allerdings um Fördermittel für Forschungsvorhaben zur Entwicklung neuer, kleinerer Reaktortypen.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, über die Frage, ob die Kernenergie in der weiteren Erforschung durch europäische Mittel gestützt werde oder nicht, werde man in der Koalition eine abschließende Meinung herbeiführen und sie dann in Brüssel so vertreten. Merz ließ durchblicken, dass er dies befürworte.
Merz und Macron kündigten neuen Kurs bei Antrittsbesuch im Mai an
Deutschland wiederum sichert sich die Unterstützung Frankreichs beim Aufbau von Wasserstoffverbindungen nach Südwesteuropa sowie einer stärkeren Integration der Stromnetze zwischen Deutschland und Frankreich. Auch dies wurde in der im südfranzösischen Toulon getroffenen Grundsatzvereinbarung festgezurrt.
Zur Gleichbehandlung emissionsarmer Energiequellen und einer Einstufung von Atomstrom als nachhaltig hatte die deutsche Regierung sich zuvor mehrfach uneins gezeigt. Gegenwind kam von den deutschen Sozialdemokraten (SPD), die gemeinsam mit Merz' konservativer Union (CDU/CSU) regieren. Sie werden die jetzt mit Frankreich getroffene Grundsatzvereinbarung nun wohl mittragen. Merz und Macron hatten den neuen gemeinsamen Kurs in der Energiepolitik schon beim Antrittsbesuch des Kanzlers Anfang Mai in Paris verkündet.
Atomausstieg in Deutschland und Rückbau
Viele Jahrzehnte lang erzeugten Kernkraftwerke in Deutschland Strom. Nach der verheerenden Nuklearkatastrophe von Fukushima beschloss Deutschland jedoch, aus der Kernenergie auszusteigen. Nur wenige Monate nach der Katastrophe, am 30. Juni 2011, beschloss das deutsche Parlament das Ende aller Kernkraftwerke in der Bundesrepublik. Die letzten Kraftwerke wurden 2023 abgeschaltet. In die oben abgebildete interaktive Grafik sind die Zahlen des letzten Jahres der Produktion in Deutschland eingeflossen.
Aktuell ist der Rückbau der Kraftwerke in Deutschland in vollem Gange. Die stillgelegten Anlagen werden in einem aufwändigen Prozess zuerst in ihre Einzelteile zerlegt, die dann auf Radioaktivität geprüft werden und gegebenenfalls gereinigt werden müssen. Laut dem deutschen Umweltministerium veranschlagen die Betreiber für den Abbau in der Regel zehn bis fünfzehn Jahre bis zur Entlassung aus der sogenannten atomrechtlichen Überwachung.
Abgeschlossen ist der Rückbau bisher bei drei kleineren Anlagen. Darunter ist auch das Versuchs-Atomkraftwerk Kahl in Unterfranken in der Nähe von Aschaffenburg. Es war Deutschlands erstes kommerzielles Kernkraftwerk. Im November 1960 hatte es seinen Betrieb aufgenommen. 1985 wurde es abgeschaltet. Der Rückbau dauerte bis 2010.